Transhumanismus Schweiz

Themengebiete

1. Lebensverlängerung
2. Kryonik
3. Human Enhancement Technologien (HET)
4. Uploading

1. Lebensverlängerung

Zur Zeit erhöht sich die statistische Lebenserwartung jedes Jahr um etwa drei Monate. Intuitiv würde man vielleicht erwarten, dass es für das erreichbare Alter, so etwas wie eine natürliche (da ist es wieder, dieses gefährliche Wort) Obergrenze gibt und dass sich die Lebenserwartung immer weniger stark verlängert. Das Datenmaterial sagt jedoch etwas anderes: die Zunahme ist ungebrochen linear.
Es gibt auch keine ‚innere Uhr', die irgendwann abläuft und uns eine Obergrenze setzen würde. Dass eine solche nicht existieren kann, erkennt man auch aus der Überlegung, dass in der Steinzeit die Lebenserwartung durch Hungersnöte, Raubtiere und Unfälle auf vielleicht 20 Jahre beschränkt war. Gäbe es ein genetisches Programm (oder eben diese innere Uhr), wäre es schon lange wegmutiert worden, da es keinen Selektionsdruck gibt für etwas, was erst sehr spät nach Fortpflanzung und durchschnittl. Lebenserwartung wirksam würde.
Wir haben im Labor bereits massive Durchbrüche in der Lebensverlängerung mit Modellorganismen erreicht. Dass dies irgendwann auch für den Menschen möglich sein wird, ist immer unbestrittener. Das erste, umfassende Programm, wie dem Alterungsprozess dauerhaft Einhalt geboten werden kann, wurde vom britischen Forscher Dr. Aubrey de Grey formuliert (siehe Links). Es gibt lediglich sieben Kategorien von Schäden, die im Alter entstehen und das durchbrechende neue an Dr. de Greys Ansatz ist, dass er die Alterungsproblematik aus Sicht eines Ingenieurs angeht.

Sein SENS-Programm (Strategies for engineered negligible senescence, etwa: techn. Strategien zur Seneszenz-Minimierung) versucht nicht, den bestehenden Stoffwechsel zu optimieren, da dieser ein enorm komplexes Netz von Wechselwirkungen darstellt. Leider ist das jedoch der weltweit verbreitetste Ansatz. Die meisten Forscher wiederholen denn auch das Mantra "Wir wissen noch lange nicht genug, um eingreifen zu können." Beschränkt man sich darauf, den entstandenen Schaden zu reparieren, muss man jedoch nicht alle Ätiologien aller Krankheiten verstanden haben, um handeln zu können. Auf der Homepage seiner Stiftung (www.mfoundation.org) geht Dr. de Grey auch ausführlich auf die vielen psychologischen Abwehrreaktionen ein, die wir Menschen uns gegen den Wunsch länger zu leben zurechtgelegt haben, um mit der Unabwendbarkeit des Todes fertig zu werden (z.B. "Das darf nicht sein!". Oder "Es würde uns bestimmt unendlich langweilig werden!". Oder "Lasst uns zuerst gute Menschen werden!" Oder "Das ginge wirtschaftlich (Überbevölkerung), ökologisch etc. gar nicht!")

2. Kryonik

Vor 200 Jahren sind die meisten Menschen an Krankheiten gestorben, die heute heilbar sind. Heute sterben Menschen an Krankheiten, von denen wohl einige oder sogar alle in der Zukunft heilbar sein werden. Kryonik ist die medizintechnische Option, den Körper eines Menschen durch Kühlung auf die Temperatur von flüssigem Stickstoff (-196°C) auf dem Status quo zu halten, wenn ein Organversagen von der heutigen Medizin nicht verhindert oder behoben werden kann. So bleibt die Möglichkeit bestehen, dass er in den Genuss zukünftiger Entwicklungen der Medizin kommt. Diese könnten es erlauben, seine Schäden durch Krankheit, unausgereifte Methoden der heutigen Kryonik und das Altern zu beheben, und bereits eingetretene Verluste an Zellen und Strukturen könnten durch Rekonstruktion rückgängig gemacht werden. Kryonik klingt zwar nach Sciencefiction, ist aber ein legitimes - wenn auch weit gestecktes - Ziel, solange bei ihrer Verwirklichung der wissenschaftliche Realismus bewahrt wird. Kryonik umfasst also Kältekonservierung (Kryokonservierung, Kryosuspension), einen Kälteschlaf (Biostase), Wiedererwärmung (Resuspension), und Wiederbelebung und die damit zusammenhängende Reparatur. Beim heutigen Stand unseres Wissens ist es hochgradig unseriös, an die Machbarkeit der Kryonik zu glauben oder sie in voreingenommenerWeise für 100%ig machbar zu halten. Das gleiche gilt für die voreingenommene Behauptung, Kryonik sei nicht durchführbar oder gar Unfug. Im Allgemeinen arbeiten Naturwissenschaftler heute empirisch, d. h. mit Versuch und Irrtum. Sie lassen es auf das Experiment und sein Ergebnis ankommen. Vorgefasste Meinungen haben in der Wissenschaft keinen Platz. Die Kryonik ist ein Experiment, dessen Ergebnis man erst in einer ungewissen Zukunft beurteilen kann, aber sie ist auch ein Experiment, das man so anlegen sollte, dass es wissenschaftlichen Kriterien stand hält. Befremdlich erscheint, dass Kryonik unmittelbar am Menschen angewandt wird, bevor Tierversuche die Unschädlichkeit und Durchführbarkeit nachgewiesen haben. Was die Unschädlichkeit betrifft, so ist der Patient auch tot, wenn keine Kryonik angewandt wird; und was die Durchführbarkeit betrifft, so versuchen todgeweihte Menschen ständig unausgereifte Methoden aus eigenem Antrieb, und einige Fortschritte der Medizin sind schon dadurch gefördert worden.

3. Human Enhancement Technologien (HET)

Unter Human Enhancement Technologien (enhancement = Erweiterung, Verbesserung) werden technische Anwendungen verstanden, welche die natürlichen Fähigkeiten eines Menschen temporär oder permanent verbessern oder erweitern sollen. Im Gegensatz zu natürlichen Enhancement Methoden (bspw. Training, lernen, Meditation, Kaffee trinken) handelt es sich bei HET um technische Anwendungen, wobei hier die Grenzziehung zwischen "Technik" und "Nicht-Technik" als auch zwischen "Wiederherstellung" und "Verbesserung" nicht immer eindeutig ist (z.B. im Falle von computeroptimierten Lernprogrammen oder leistungssteigernden Medikamenten). Ebenfalls könnte man zu dem Schluss gelangen, dass jegliches Enhancement ‚unnatürlich' und somit "technisch" ist. Die Möglichkeiten und Grade des Enhancement sind vielseitig und reichen von bereits alltäglichen und kaum beachteten Praktiken (Kaffee trinken) bis hin zu kontrovers diskutierten Anwendungen wie der Gentechnik und "kybernetischen" Implantaten. So können gewissermaßen bereits Lautsprecher, Fernrohre und Rollschuhe als Enhanecment betrachtet werden, da sie menschliche Fähigkeiten über das natürliche hinaus erweitern. Auch muss der Begriff relativ gesehen werden: in einer Gesellschaft aus Kurzsichtigen kann eine Brille schon ein Enhancement bedeuten. In der Regel werden aber unter HET High-Tech-Methoden verstanden, wie (noch hypothetische) Implantate und Prothesen oder Medikamente (bspw. Psycho-/ Neuropharmaka) zur Verbesserung der natürlichen kognitiven und physischen Fähigkeiten. Auch der Erwerb gänzlich neuer "nicht-menschlicher" Fähigkeiten, wie die Möglichkeit, mit Hilfe (ebenfalls noch hypothetischer) künstlicher Blutkörperchen (Respirozyten) 4 Stunden lang ohne zu atmen unter Wasser überleben zu können, wären HET. In gewissen Kontexten, wie bspw. als Notfalleinrichtung auf Kreuzfahrtschiffen oder U-Boten, wäre die Anwendung solcher Respirozyten jedoch durchaus sinnvoll und wäre einer derzeitigen Taucherausrüstung gar nicht so unähnlich. Personen, die zukünftiges HET anwenden, können als Augment oder Cyborg bezeichnet werden, solange die Anwendung nicht-therapeutischen Zwecken dient. Zählt man Computer, Multifunktionshandys, Navigationsgeräte, Infrarotbrillen und die am Horizont erscheinenden Augmented Reality Systeme und krafterhöhenden Exosklette zu HET wird die die weitere Entwicklung des HET vermutlich weniger dramatisch und viel gradueller verlaufen, als von vielen befürchtet.

4. Uploading

Uploading bezeichnet den (hypothetischen) Prozess, mit dem das menschliche Bewusstsein (hier im Sinne der kompletten individuellen Persönlichkeit, mit allen Erinnerungen, Emotionen usw.) auf ein neues Substrat übertragen wird. Vor allem diskutiert wird die Komplett-Emulation des menschlichen Gehirns oder auch des kompletten durch einen zukünftigen, sehr leistungsfähigen Computer. Während der Prozess des Uploadings für einen plötzlichen Wechsel von einem Substat auf ein anderes steht, vollzieht sich das Upshifting graduell, etwa indem die Neuronen im Gehirn Stück für Stück durch elektronische Gegenstücke ersetzt werden. Das grundsätzliche Ergebnis ist in beiden Fällen gleich, d.h. Uploading und Upshifting unterscheiden sich vor allem in der Durchführung.


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